Konfetti, Bonbons und Geballer

03.02.2020 12:00 von ITS-Schmidt

Die Narren haben wieder die Macht an sich gerissen – trotz wackerer Gegenwehr der Stadtverwaltung.

Es ist kurz vor vier am Samstag­nachmittag und die feindlichen Truppen sind bereits versammelt. Das gemeinsame Angriffsziel: das Kornwestheimer Rathaus. Um genau 16.11 Uhr geht es dann los. Von Süden her nähern sich unter lautem Schellengeläut die Hästräger der Fasnet-Zunft, von Osten vom K her rückt lautstark die Guggenmusik der Narren-Ober-Liga (NOL) feat. Renegades an, begleitet unter anderem von den ­Rombala-Hexen und den Tanzgarden von Ober-Liga und Fasnet-Zunft.

Die Angreifer beziehen vor dem Portal des Rathauses Stellung, begleitet vom ­Applaus der Kornwestheimer, die sich an diesem regnerischen Februarsamstag zum Zuschauen eingefunden haben. Doch ­bevor die Angreifer sich dem Rathaus ­zuwenden, wird zuerst einmal der Narrenbaum an der Stuttgarter Straße aufgestellt. Gegen den Wind wohlgemerkt – was den Narren zusätzliche Anstrengungen abverlangt. Aus diesem Grund, so erzählt Martin Türk, Ausschuss-Präsident der Kornwestheimer Fasnet, habe man in Kornwestheim auch einen etwas kürzeren Baum. Die Gefahr, dass etwas passiert, sei sonst zu hoch.

„Möglichst schnell sollten wir die Macht hier übernehmen“, eröffnet Marion Schneebeli von der Fasnet-Zunft den ­diesjährigen Rathaussturm und gibt die Marschrichtung damit vor. Dann richtet sich die Aufmerksamkeit aller auf den ­Balkon, von wo aus Hausherrin und Oberbürgermeisterin Ursula Keck zusammen mit der Schützengilde das Rathaus verteidigen will. Die Kinder vor dem Rathaus schauen ohnehin schon seit Längerem ­immer wieder gespannt nach oben, denn in regelmäßigen Abständen hagelt es von dort Süßigkeiten.

„Jetzt bewegt sich was – sie sind aufgewacht“: Endlich tritt Ursula Keck an die ­Balustrade. Doch ist sie das wirklich? Im Lehrerinnenkostüm mit grauem Filzhut, runder Brille, kariertem Hemd und einer Computermaus als Halskette ist sie kaum wiederzuerkennen. Doch ja, sie ist es, und im folgenden liefert sie sich mit der Sprecherin der Angreifer ein Wortgefecht.

Marion Schneebeli spart nicht mit Kritik an Gemeinderat und Verwaltung, und die Lehrerin Keck antwortet in breitem Schwäbisch mit Klagen über den Lehrerberuf. Zwischenrein meldet sich immer wieder die Guggenmusik mit ihren Versionen bekannter Popsongs zu Wort. Schließlich setzt Ursula Keck einen Schlusspunkt: „I mach jetzt hier mei Tür zu.“ Die Schützengilde feuert von oben Warnschüsse ab, Bonbons und Konfetti fliegen vom Rathaus nach unten. Durch die heftigen Windböen entwickeln sie recht ungewöhnliche Flugbahnen – mit einschlägigem Erfolg bei den Zuschauern. Die Narren werten die Warn- jedoch als Startschüsse, und stürmen das Rathaus, und schon bald muss Hausherrin und Ober­lehrerin Ursula Keck die weiße Fahne schwenken, und wird schließlich mitsamt Rathausschlüssel und Stadtkasse vor das Portal geschleppt.

„Trotz Widerstand haben wir es geschafft, wir Narren sind jetzt wieder an der Macht“, verkündet Prinzessin Alexandra I. von der Narren-Ober-Liga und nutzt ihre neue Autorität, um zwölf „Narrographen“ zu verkünden. Dann geht es für alle, Narren, Zuschauer und Rathausvertei­diger, hinein ins Rathaus, wo Glühwein und Brezeln warten, die, wenn man den Narren glauben darf, von der Oberbürgermeisterin persönlich zur Verfügung gestellt wurden.

Doch trotz äußerst guter Stimmung dauert das närrische Treiben an diesem Abend nicht mehr allzu lang an. „Schließlich wollen wir fit sein für den Umzug“, sagt Martin Türk (siehe auch Artikel auf Seite I).

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Konfetti, Bonbons und Geballer, Kornwestheimer Zeitung , 03.02.2020

Berit Krause

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